KALENDERCOPTER 2017 Nachwort - Werner Wolfsfellner MedizinVerlag

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KALENDERCOPTER 2017 Nachwort

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KALENDERCOPTER 2017
 
Nachwort im Original
auf vielfachen Wunsch hin: hier das Vor- und Nachwort 





Einige Gedanken zum Kalendermachen, über Photographie
und die Zeit – eine kleine Gebrauchsanweisung
 
Licht, mehr Licht
Das waren angeblich die letzten Worte von Goethe am 22. März 1832 [vielleicht aber auch der Ruf nach dem „Botschamperl“, also „pot de chambre“, – dem Nachttopf].
Hätte es vor 184 Jahren schon die heutige Photographie gegeben, wären Goethes letzte Worte vielleicht auch gewesen:
Farbe, mehr Farbe; oder Zeit, mehr Zeit; oder Proportionen, mehr Proportionen; Schärfe, mehr Schärfe und manch anderes mehr.

An dieser Stelle will ich ein Dankeschön sagen an viele Photographen/innen, die von jung bis alt sich Gedanken machen über schöne Motive, viel Zeit und auch Geld aufwenden, die besonderen Momente der „Luftrettung“ abzubilden, also aus altgriechisch photós „Licht“ und graphein „schreiben, malen, zeichnen“, also: „Zeichnen mit Licht.“
Der Begriff Photographie [ich bleibe bewusst bei der alten Orthografie] wurde erstmals im Februar 1839 vom Astronomen Johann Heinrich von Mädler in der Vossischen Zeitung verwendet, – Johann Wolfgang von Goethe war also recht nah dran am Geschehen.

Phänomen Luftrettung
Warum fasziniert die Luft- oder Flugrettung Jung und Alt, gestern wie heute, auch photographisch? Ich sehe es rückblickend recht einfach: es ist die schönste Verbindung vom Traum des Fliegens und Leben retten.

Vom Photographieren zum Traumberuf
Was für berufliche Wünsche keimen heutzutage im jungen Menschen: Lokführer, Feuerwehrmann, Polizist, Arzt oder Pilot, „Sanka“- oder gar Rennfahrer? Ich hatte lange Zeit immer wieder Kontakt mit den jungen Fans, oft noch mit mütterlichem Schutzschild im Hintergrund. Sie ließen sich aber nicht beirren und blieben auf ihrem Lebensweg: Hubschrauber photographieren und dann Pilot, Techniker, Notarzt, Rettungsassistent werden, manchmal auch auf dem gewünschten Standort, wo man aufgewachsen ist. Mich erfreut es immer wieder, wie man auch mit ein wenig Verständnis und Mithilfe, Rat und Tat als Verleger glückliche und zufriedene Lebenslinien begleiten durfte. Weiter so!

Mengenlehre
Man sagt, ich wäre momentan vielleicht einer der Weltmeister im „Rettungshubschrauber-Photo“-Anschaun. Vielleicht gibt es im Archiv bei uns an die 60 000 Bild-Daten und noch mal 10 000 in Form von entwickelten Bildern, Negativen und Dias.
Kalender machen wir nun seit fast 30 Jahren, für alle möglichen Kunden, aber auch eigene Kreationen; und haben uns immer wieder überraschen lassen, wie rasant und grundlegend sich die Bildvorlagen und Technik entwickelt haben.
Hatten wir früher zum Kalendermachen nur eine viertel gefüllte Schuhschachtel mit analogen 9 x 13-Abzügen oder Dias, so wuchs die Zahl zur Auswahl ständig durch die Digitalisierung. Ist heute irgendwo eine interessante Photosession, eine Übung, so schicken mir liebe Photographen und Photographinnen vielleicht eine CD mit 500 Aufnahmen über Luftrettung zum Selbstaussuchen. Fazit: Früher scannte (digitalisierte) man ein einzelnes, schwieriges Motiv zwei Tage lang, heute betrachtet man zwei Tage lang eine Photo-CD-Sammlung. Das Letztere ist ein langwieriger und Augen ermüdender Vorgang, aber dennoch, man hüpft und zuckt manchmal am Monitor vor Freude und Vergnügen: Etwas echt Neues, Ungewöhnliches, Originelles – mit besonderer Geometrie, Proportionen, Farben, Licht, Schnitten, Kameratechniken, Kunst in sich. Diese „Hoppala“-Bilder („Aha-Erlebnisse“) wollen wir in Form eines Kalenders weitergeben, – vielleicht etwas altmodisch, da es auch viele digitale Bilder in Internetwelten gibt; aber das Anfassen eines gedruckten Kalenders erfreut ebenso oder immer noch. Zuschriften und Komplimente zeigen, ich erreiche mit besonderen Aufnahmen immer noch Jung und Alt, von 5- bis 80-jährige Liebhaber, – auch im Wandel der Darstellungen, auch im Wandel der Betreiberfarben.

Farben der Rettungshubschrauber
Rettungshubschrauber gab und gibt es seit Gründung dieses medizinischen Systems vor etwa 50 Jahren in allen Farben: cadmium-gelb als Warnfarbe, signalgelb (Gift, Radioaktivität), coca-cola rot-weiß, tic-tac grün-weiß, postkastenfarbig gelb-schwarz, orange, orange-weiß, blau, blau-rot-weiß, – in allen Kombinationen und farbigen Schattierungen.
Es tauchen auch immer neue Hubschrauber-Designs auf, vor allem im Ausland, auch mit amüsanter Werbung. Sie sehen manchmal fast wie „Litfaßsäulen“ aus, haben aber keinen Grund, sich zu verstecken, weil manchmal alternative Finanzierungssysteme nötig sind – und als Werbeträger hat sich die Luft- und Flugrettung schon immer gut behauptet. Dieser Farbenvielfalt ist der Kalender 2017 gewidmet.

Goethes Farbenlehre
Goethes Werk „Zur Farbenlehre“ (erschienen 1810) könnte heute noch besonderen Einfluss auf die Photographie haben. Einige Zitate, Ausschnitte:
Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe
… „Da die Farbe in der Reihe der uranfänglichen Naturerscheinungen einen so hohen Platz behauptet, indem sie den ihr angewiesenen einfachen Kreis mit entschiedener Mannigfaltigkeit ausfüllt … Deshalb denn Farbe, als ein Element der Kunst betrachtet, zu den höchsten ästhetischen Zwecken mitwirkend genutzt werden kann.“

Gelb [die Farbe mit höchster Reinheit]
… „Es ist die nächste Farbe am Licht. Sie führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft. Wenn nun diese Farbe, in ihrer Reinheit und hellem Zustande angenehm und erfreulich, in ihrer ganzen Kraft aber etwas Heiteres und Edles hat, so ist sie dagegen äußerst empfindlich und macht eine sehr unangenehme Wirkung, wenn sie beschmutzt oder einigermaßen ins Minus gezogen wird. So hat die Farbe des Schwefels, die ins Grüne fällt, etwas Unangenehmes.
Durch eine geringe und unmerkliche Bewegung wird der schöne Eindruck des Feuers und Goldes in die Empfindung des Kotigen verwandelt, und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe der Schande, des Abscheus und Mißbehagens umgekehrt. Daher mögen die gelben Hüte der Bankerottierer, die gelben Ringe auf den Mänteln der Juden entstanden sein …“

Politik, weniger Politik – mehr Politik
Habe ich in jungen Jahren einmal prägend fürs Leben gelernt von einem erfahrenen Chef eines sogenannten Ordnungsamtes: „Wer die Leitstelle hat, hat das Sagen“, und „alle Blaulichter sind politisch“ [zu sehen].
Ein Rettungshubschrauber hat zwar kein reales Blaulicht, aber das größtdenkbare imaginäre Blaulicht. Anachronistisch, wo heute scheinbar keine Lobby für den Rettungshubschrauber mehr existiert; auch ein schwindendes Image ist erkennbar. Der Lärm ist des „Deutschen Lieblingsreizer“ und die alten Worthülsen und Werbesprüche, „ein jeder könnte mal einen lebensrettenden Hubschrauber brauchen“, gehen inzwischen ins Leere.
Zu Anbeginn der Luftrettung galt als Standard, ein Hubschrauber gehört an einem geeigneten Krankenhaus stationiert. Landräte, Minister und andere Politiker waren einst mächtig stolz auf „ihren Christoph-Hubschrauber“; es scheint sich etwas geändert zu haben, man zeigt Zurückhaltung, Lärm bringt keine Wählerstimmen.

Ruhe, mehr Ruhe
Heute geht der Weg hin zu anderen Standorten: Grüne Wiese; vielleicht an einem kleinen Sport- oder Segelflugplatz; gerne auch da, wo früher mal Müllkippen oder Giftlager waren; vorzugsweise nahe an einer lärmenden Autobahn, in Gewerbegebieten. Alles keine schmeichelnden Lokationen für die fliegenden Lebensretter. Auch im Widersinn, dass einerseits Bürgerinitiativen für einen Rettungshubschrauber wegen besserer Überlebens-Chancen kämpfen, andererseits Bürgerinitiativen gegen einen Rettungshubschrauber wegen des Lärms sich auch gleich gründen, wenn nur eine Stationierungs-Idee angedacht wird.

Herz, mehr Herz
Manche Photographen und Journalisten sind heute mitunter verärgert, weil sich neue – aber moderne, seelenlose und kalte – Verhaltensmuster auf Stationen zeigen; man wird abgewimmelt, manchmal nicht mit feinen Worten. Die Zeiten ändern sich. Man bedenke, wie in vielen anderen Bereichen des Gesundheitswesens gibt es Verteilungs- und Marktbeherrschungskämpfe. Da sollen externe Photographen nicht stören, nichts publizieren. Meine Empfehlung: abwarten, – wie im sinuskurvigen Lebens-Schwung können sich diese Strukturen auch wieder ändern. Mit der Zeit gehen, mit Aphorismen leben.

Zeit, mehr Zeit [Rettungshubschrauber sind manchmal sehr schnell]
Die Zeit ist mein Besitz; mein Acker ist die Zeit (Johann Wolfgang von Goethe)
Erzähle mir die Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen (Konfuzius)
Der Mensch schlägt die Zeit so lange tot, bis sie sich revanchiert (Unbekannt)

Schönes, mehr Schönes
Wie schrieb einst Gerhard Kugler (langjähriger Geschäftsführer der ADAC-Luftrettung und genialer Künstler & Maler, † 2009), der mich auch vielfach bei Kalendern begleitet und beraten hat: „Der Grundton unserer heutigen Zeit ist Jammern. Auch in der Kunst finden in diesem Stimmungsklima das Negative und die Düsternis vielfachen Ausdruck. Dabei sind wir doch tagaus tagein von so viel Schönem umgeben, das dazu angetan ist, unsere Seele aufzurichten. Man muss es eben nur sehen. Denn trotz aller Zweifel und manchem Spott: Es gibt sie noch – Die heile Welt …“
Dank an alle, die mitgeholfen haben. Mögen unsere Kalendercopter noch schöner und beliebter werden.
herzlichst, Dein/Ihr Werner Wolfsfellner
 


 
 
 
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Letzte Aktualisierung: 19. Jan. 2017


 
 
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